Die erstaunliche Karriere der Orks

Vom Inbegriff der Verderbtheit zur beliebten Fantasy-Rasse

11.05.2009 Volker Wollny

Bei Tolkien waren die Orks der Inbegriff von Bosheit und Verkommenheit, heute haben sie es bis zu Titelhelden ganzer Fantasy-Zyklen gebracht.

Dumpfes, brutales Schwertfutter fast ohne eigenen Willen oder – im Falle der als Uruk-hai bezeichneten „Elite-Orks“ – bestenfalls perfide Bösewichte mit enormer Kampfkraft, so begegnen die Orks dem Leser in J.R.R. Tolkiens „Herrn der Ringe“. Ohne besondere eigene Kultur und offenbar nur mit einer primitiven Sprache begabt, dienen sie als willfährige Werkzeuge den finsteren Zielen ihres Herrn und Meisters, dem bitterbösen Sauron.

Ein genauerer Blick auf die Orks: Auch bei Tolkien bereits ein Volk

So jedenfalls erscheint es auf den ersten Blick, vor allem wenn man nur die Filme zum Romanzyklus „Der Herr der Ringe“ als Quelle heranzieht. Tolkien-Enthusiasten jedoch, die nicht nur die Ring-Romane, sondern auch andere Schriften Tolkiens für ihre Forschungen benutzen, haben doch etwas mehr an Informationen über das geheimnisvolle Volk zusammengetragen.

So können die Orks von Mittelerde sich wie andere Völker sehr wahrscheinlich geschlechtlich vermehren, denn Tolkien berichtet, dass sie aus anderen Humanoiden gezüchtet wurden – und aus den gewöhnlichen Orks durch Einkreuzung anderer Rassen wiederum die Uruk-hai. Tolkiens Orks tragen Kleidung, wenn auch primitive und haben zumindest eine rudimentäre gesellschaftliche Ordnung, denn es ist außer von militärischen Befehlshabern auch von Ork-Fürsten die Rede. Allerdings stempelt der Ringe-Autor sie auch ab, indem er sie zu den „bösen Rassen“ zählt und für „nicht erlösbar“ erklärt.

Orks in anderen Fantasy-Welten

Seit Tolkien gehören die Orks als wichtiger Bestandteil zum Repertoire vieler Fantasy-Welten. Daher werden sie zum Beispiel auch beim Live Action Role Playing (LARP) recht gerne verkörpert. Das kann man schon daran erkennen, dass Ork-Accessoires wie Gebisse mit Fangzähnen und grüne Schminke im einschlägigen Fachhandel erhältlich sind. Bei YouTube finden sich Videos über Orks bei LARP-Events und auch sonst gibt es im Netz allerhand Informationen und Diskussionen darüber, wie man als LARP-Freak einen Ork oder eine Orkin überzeugend verkörpert.

In der neueren Fantasy-Literatur spielen die Orks unter anderem bei R. A. Salvatore eine Rolle. Bei ihm zählen sie zwar immer noch zu den bösen Rassen, besitzen aber ein gewisse Kultur, wenn auch eine recht primitive – und eine Religon. Interessant ist, dass Salvatore mit dem Orkkönig Obould bereits einen Ork als vollwertige Romanfigur mitwirken lässt, wenn auch auf der „bösen“ Seite: Obould ist nicht irgendein Ork, nicht lediglich ein austauschbares Monster, das als Unperson auf seine physischen Handlungen reduziert ist, wie etwa ein Tier oder ein Naturereignis. Obould begegnet dem Leser als denkende Gestalt, die Pläne und Ziele hat, welche sie verwirklicht und umsetzt, als eigenständiger Gegenspieler der Helden.

Die „neuen“ Orks

Noch neuere Autoren gehen teilweise sogar noch weiter und lassen Orks als richtige Helden und Sympathieträger auftreten. Im Warcraft-Universum etwa stehen sie den Menschen, Zwergen und weiteren Rassen zwar meist feindlich gegenüber, doch ist dies eine augenblickliche Konstellation, die aus Interessenkonflikten entspringt, nicht aus dem Charakter der Orks an sich. Sie werden sogar als ehrenhaftes Volk beschrieben, welches eine schamanische Kultur besitzt. Wie Zwerge, Menschen und Elfen auch wahren die Orks einfach nur ihre Interessen und geraten daher eben auch hin und wieder in kriegerische Auseinandersetzungen.

Stan Nicholls' Orks aus dem Roman „Die Orks“ und seinen Fortsetzungen treten sogar als Titelhelden auf. Sie erfüllen zwar gewisse Klischees, indem sie, wie die Warcraft-Orks auch, rauhbeinig, gewalttätig und vielleicht ein wenig einfältig sind. Per se böse sind sie aber genauso wenig wie diese. Sie wollen einfach überleben und suchen einen Platz für sich. Der Leser gönnt es ihnen dann auch von Herzen, wenn sie am Ende des ersten Bandes den Weg in ihre Heimatwelt finden.

Gewöhnungsbedürftig sind die Orks, die Morgan Howell in seinem Dreiteiler „Die Königin der Orks“ beschreibt. Für die Menschen erscheinen sie zwar als blutrünstige Monster, wer sie aber, wie die Heldin der Geschichte, näher kennenlernt, entdeckt etwas ganz anderes: Sanfte Riesen, die, kulturell hoch entwickelt, in einem Matriarchat leben. Zu ihren Untaten, die sie selbst verabscheuen, werden sie durch die magischen Machenschaften eines üblen Hexenmeisters gezwungen, der ihre Königin mit einem bösen Zauber versklavt hat.

Eine Bereicherung der Fantasy-Szene

Eine Sonderstellung nehmen die Orks von Michael Peinkofer („Die Rückkehr der Orks“) ein: Sie erfüllen zwar alle orkischen Klischees, sind dabei aber so köstlich überzeichnet, dass man sie einfach lieben muss. Dumm wie Bohnenstroh versieben sie so ziemlich alles, was ihnen ein böser Hexer aufträgt und retten am Ende damit sogar versehentlich die Welt.

Die „neuen Orks“ mögen vielleicht nicht ganz ganz der Geschmack mancher Puristen und Tolkien-Fans der alten Schule sein. Auf jeden Fall wurde und wird die Fantasy-Szene durch ihre Spielarten um einige unbedingt lesenswerte Bücher bereichert.

Bücher mit und über Orks (Auswahl, von den Zyklen ist jeweils nur der erste Band genannt):

  • John Ronald Reuel Tolkien: Der Herr der Ringe – Die Gefährten, Klett-Cotta 2001
  • R. A. Salvatore: Die vergessenen Welten – Der gesprungene Kristall, Goldmann 1991
  • Stan Nicholls: Die Orks, Piper 2004
  • Michael Peinkofer: Die Rückkehr der Orks, Piper 2007
  • Morgan Howell: Königin der Orks – Söldner, Heyne 2007

LARP-Videos mit Orks bei YouTube:

Schaukampf Ork gegen Zwerg

Der Turach Clan

Der Artikel Die erstaunliche Karriere der Orks in Fantasy-Literatur unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Die erstaunliche Karriere der Orks ist Volker Wollny.
Eine Orkfrau aus Kalimdor auf Azeroth, Volker Wollny Eine Orkfrau aus Kalimdor auf Azeroth
Martialisch, aber nicht ohne Sexappeal, Volker Wollny Martialisch, aber nicht ohne Sexappeal
Moderne Orks: Grob aber ehrenhaft, Volker Wollny Moderne Orks: Grob aber ehrenhaft
Dressed to kill einmal anders, Volker Wollny Dressed to kill einmal anders
Orkfrau im klassischen Outfit, Volker Wollny Orkfrau im klassischen Outfit
 
;