Rezension: Ruth Nestvold "Flamme und Harfe"Die Geschichte von Tristan und Isolde als Fantasy-Roman
In ihrem Fantasy-Roman „Flamme und Harfe" erzählt Ruth Nestvold die Liebesgeschichte von Drystan und Yseult (Tristan und Isolde). Dabei interpretiert sie die Sage neu.
Zu den größten Liebesgeschichten der Literatur zählt die Geschichte von Tristan und Isolde. Mehrfach fand sie Eingang in Bücher, wurde verfilmt und diente zudem Richard Wagner als Stoff für seine gleichnamige Oper. Ist der Stoff da nicht auserzählt, braucht es noch ein weiteres Buch über Tristan und Isolde? Ruth Nestvold hat für sich einen neuen Zugang gefunden: Aus der Sicht der Frau will sie die Liebesgeschichte erzählen. Doch glücklicherweise beschränkt sie sich in ihrem Fantasy-Roman „Flamme und Harfe“ nicht auf die Sicht einer der Liebenden, sondern gewährt dem Leser Einblick in die Gefühlswelt beider, was für mehr Spannung und Abwechslung sorgt. Und sie nimmt zahlreiche Änderungen am Sagenstoff vor. Eigene Interpretation der Sage von Tristan und IsoldeDie wichtigste ist die Verknüpfung der Geschichte Tristans (im Buch Drystan) und Isoldes (Yseult) mit der von Arthur. Auch wenn dieser Arthur nicht wie der oft beschriebene König Artus in Camelot herrscht und seine Ritter um sich sammelt, so spielt Arthur in „Flamme und Harfe“ doch die wichtige Rolle des militärischen Genies, dem es gelingt, Britannien gegen die Sachsen zu verteidigen. Zugleich lernt Drystan unter seiner Führung das Kriegerhandwerk und wird einer der wichtigsten Vertrauten Arthurs. Eine zweite Veränderung betrifft Markus, den Ehemann Yseults. In der Sage handelt es sich um den Onkel Tristans, in „Flamme und Harfe“ ist er der egoistische und machtbesessene Vater, dem man kaum eine Opferrolle zuerkennen will, als Yseult ihn mit Drystan betrügt. Ebenfalls abgewandelt ist der Augenblick, in dem sich Drystan und Yseult ineinander verlieben. In der Sage passiert es durch einen Unfall: Auf dem Schiff von Irland nach Britannien trinken sie aus Versehen den Liebestrank, der für Yseults Hochzeit vorgesehen ist. Bei Ruth Nestvold sind die beiden längst verliebt, waren schon ein Paar, ehe herauskam, dass Drystan den Onkel Yseults erschlagen hatte. Flamme und Harfe, Krieg und LiebeDie dichterische Freiheit, die sich Nestvold nimmt, führt dazu, dass sie ihre eigene Geschichte erzählen kann. An die Überlieferung knüpft sie im Übrigen an, in dem jedem Kapitel Auszüge aus Geschichten vorangestellt sind, die den Stoff verarbeitet haben. Nestvold lässt zudem kulturgeschichtliche Elemente einfließen, wie das des Übergangs zwischen der keltischen Naturreligion und dem Christentum. Auch kann sie Schlachtenszenen einführen, die Drystan an den Rand des Todes führen und eine willkommene Abwechslung zur Liebesgeschichte darstellen. An mancher Stelle wäre eine Raffung der Handlung allerdings besser gewesen. Der Liebesgeschichte von Brangwyn und Kurvenal, der beiden Getreuen Yseults und Drystans, hätte deutlich weniger Raum gereicht. Erstes Fantasy-Buch von Ruth Nestvold„Flamme und Harfe“ ist der erste Roman von Ruth Nestvold (geboren 1958). Sie stammt zwar aus den Vereinigten Staaten, lebt jedoch seit 30 Jahren in Deutschland, wo sie an verschiedenen Universitäten als Englisch-Dozentin tätig war. Dem Schreiben widmet sie sich verstärkt seit Ende der 90er Jahre. 1998 nahm sie an einem Workshop von George R.R. Martin in Seattle teil, der sie bestärkte, Fantasy-Geschichten zu schreiben. Obwohl sie so lange in Deutschland lebt, schreibt sie in ihrer Muttersprache Englisch. „Flame and Harp“ sandte sie unverlangt beim Verlag ein, der ihn übersetzen ließ. Doch auch in den USA erhofft Penhaligon mit Ruth Nestvold Erfolg zu haben. Der ist dem Buch zu wünschen, denn es erzählt eine Liebesgeschichte so, wie es sein sollte, oft am Rande des Kitsches, doch nur selten die Grenze dazu überschreitend. Da gefällt der Roman deutlich besser als das vielgelesene „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer Bradley. Ruth Nestvold: Flamme und Harfe. Penhaligon 2009. Gebundene Ausgabe, 704 Seiten. Euro 19,95 (Österreich 20,60).
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